Die Jürgen Hartmann Story

09. Dez 2019

Eine Profi Fußballerkarriere, die beim FSV Seelbach begann und unter anderem in die erste Bundesliga zum VfB Stuttgart und dem Hamburger SV führte.

Im Gespräch mit dem FSV Seelbach erzählt Jürgen Hartmann interessante und teilweise kuriose Begebenheiten aus seinen Fußballer-Stationen.

454 Profi Spiele

Insgesamt 363 Spiele in der 1. Fußball Bundesliga, dazu 29 mal im Einsatz beim DFB Pokal, 29 Spiele im UEFA Cup, 21 Super League Spiele, 3 Begegnungen im Europapokal der Pokalsieger und noch so einiges mehr – die Bilanz der Profikarriere von Jürgen Hartmann kann sich wirklich sehen lassen. 

Und dennoch erinnert er sich gerne an die Anfänge seiner Fußballerzeit zurück, die im Jahre 1972 beim FSV Seelbach in der D-Jugend begann. Im Gespräch mit Martin Kopf erzählt Jürgen Hartmann dabei unter anderem wie es war, als jugendlicher auf einem Platz Fußball zu spielen, der nur so lang war wie andere breit und auch einige weitere Kuriositäten aus seine Profi-Stationen. 

Martin Kopf (MK):

Jürgen, zunächst einmal herzlichen Dank für Deine sofortige und unkomplizierte Bereitschaft, uns einige Einblicke in eine Profi-Fußballerkarriere zu geben, die über einen normalen Spielbericht hinaus gehen. 

Wann, wie und mit wem hast Du in der Jugend damals beim FSV Seelbach erstmalig deine Fußballstiefel geschnürt?

Jürgen Hartmann (JH):

Begonnen habe ich im Jahre 1972 in der neu geschaffenen D-Jugend des FSV Seelbach. Ich kann mich noch an Helmut Meier und Trainer Hanspeter Martin erinnern, die im Verein damals für die Jugendabteilung verantwortlich waren. Weitere Trainer waren damals z. B. Helmut Opitz und Theo Suhm. Weggefährten auf dem Platz waren unter anderem Hermann Rosinski und Martin Schweiß. Und der Start konnte sich gleich sehen lassen, denn wir wurden in der Saison 1972/73 auf Anhieb überzeugend Meister.

Jürgen Hartmann

„So lang wie andere Plätze breit“. Vom zweiten Rasenplatz des FSV Seelbach und dem „Allergrößten überhaupt“.

MK:
Wie war das damals in der Jugend beim FSV zu spielen?

JH:
Ganz anders als heutzutage, soviel kann man schon mal mit Bestimmtheit sagen. Wenn wir auf dem damals quer zum Hauptplatz liegenden zweiten Rasenplatz spielten, mussten wir uns z. B. des Öfteren das Gespött der Gegner anhören. Nicht zu Unrecht wurde bemerk, dass der Platz ja
eigentlich nur genau so lang ist, wie der Hauptplatz breit. Und von „Rasen“ konnte man ja auch nicht wirklich sprechen. Die Platzbegrenzung waren damals durchbohrte Steinsäulen, durch die rostige Stahlrohre geführt hatten. Uns war das aber egal, denn wichtig war der Spaß am Fußballspielen, den wir alle gemeinsam hatten. Und manchmal, wenn das Wetter es zuließ, durften wir ja auch auf dem Hauptplatz spielen – das war für uns das Allergrößte überhaupt.

Die Aufstellung erfuhr man übrigens damals nicht direkt nach dem Training in der Kabine und schon gar nicht per E-Mail oder über Whattsapp. Wer beim nächsten Spiel dabei sein wird und wer nicht sagte uns die Mannschaftsaufstellung im Aushangkasten am „Engel“. Klar, dass man da immer mal wieder mit dem Fahrrad zum Engel fuhr um nachzusehen ob die Aufstellung schon aushängt.

Im ersten Anlauf ohne Punktverlust Meister

Die D-Jugend des FSV Seelbach 1972/73
Die D-Jugend des FSV Seelbach 1972/73

Der weitere Weg führte zum Drittligisten Offenburger FV

MK:
Und wie ging es dann weiter in der Jugend des FSV?

JH:
Leider nicht ganz so toll, mangels genügend Spieler musste die Mannschaft damals in einem der Folgejahre in der C-Jugend vom Spielbetrieb abgemeldet werden. Zu damaligen Zeiten war das übrigens äußerst ungewöhnlich, da man in der Zeit im Amateurbereich gemeinhin nicht mit Spielermangel im Jugendbereich zu kämpfen hatte. Aber in Seelbach gab es auch schon damals anderweitige attraktive Sportangebote, die den einen oder anderen gelockt hatten.

Ich selbst habe dann das Jahr als C-Jugendlicher noch in der B-Jugend fertig gespielt. Danach wechselte ich dann im B-Jugend-Alter zum Lahrer FV, wo ich zwei Jahre als einer der jüngsten in der A-Jugend mitgespielt habe. Danach rief mich der OFV in die A-Jugend, die damals Jugendliga spielte, was vergleichbar mit der heutigen Südbadenliga ist.

Der Übergang zu den Senioren des OFV gestaltete sich dann fließend, schon als A-Jugendlicher durfte ich beim damaligen Drittligisten mittrainieren und auch bei Trainingslagern dabei sein. Vom Kader her war der OFV damals ausgezeichnet mit einigen ehemaligen Zweitliga- und Amateurnationalspielern besetzt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der OFV damals neben den zwei großen Freiburger Vereinen, der beste Fußballverein der Region war. Nicht umsonst kamen damals auch bis zu 2.000 Zuschauer zu den Heimspielen des OFV.

Der zeitliche Aufwand war übrigens enorm. Die auswärtigen A-Jugend-Spieler wurden alle in einer Fahrgemeinschaft zusammen abgeholt und wieder nach Hause gefahren. Da konnte es dann schon mal passieren, dass der Heimweg zunächst z.B. über Goldscheuer führte und man deshalb erst ganz spät am Abend nach wieder Hause kam. Einer der damaligen Weggefährten war übrigens Johannes Himmelsbach.

Deutscher Amateurmeister mit dem Offenburger FV im Jahre 1984.

Später als ich in Karlsruhe studiert habe fuhren wir in einer Fahrgemeinschaft mit anderen Spielern wie Herbert Anderer oder Wilfried Trenkel ebenfalls dreimal pro Woche nach Offenburg zum Training. Die Offenburger Zeit dauerte drei Jahre, in denen wir z.B. im Jahre 1984 auch Deutscher Amateurmeister geworden sind.

Der etwas seltsame Einstieg in die Bundesliga: Einem Probetraining in Gladbach folgte ein Vertrag beim VfB Stuttgart.

MK:
Dein Wechsel in die Fußball-Bundesliga war, wie man hört, etwas kurios.

JH:
Ja, das kann man wohl sagen. Nachdem mit Frank Wormuth und Michael Hertwig zwei meiner damaligen Mitspieler bereist in die Bundesliga gewechselt waren, habe ich das als Signal empfunden auch selbst Einstieg in die höchste deutsche Spielklasse zu versuchen. Nach dem Motto: „Wenn die das können dann kann ich das auch“.

Gesagt, getan. Bernd Schmieder besorgte mir daraufhin ein Probetraining bei Borussia Mönchengladbach. Trainer war damals kein geringerer als Jupp Heinckes. Das Training verlief sehr gut und Gladbach zeigte Interesse, wollte mich aber noch einige male beim OFV beobachten. Und genau daran scheiterte es dann, denn kurz nach dem Probetraining verletzte ich mich am Innenband und konnte deshalb in den restlichen Spielen der Saison nicht mehr beim OFV auflaufen.

Die Gerüchteküche brodelte – und Willi Entenmann hörte aufmerksam zu. Fertig war der Wechsel zum VfB Stuttgart.

MK:
Und wie kam dann der VfB Stuttgart ins Spiel?

JH:
Damals war die Fußballszene noch eine kleine Welt für sich. Weil der VfB II wie der OFV auch Oberliga gespielt hat, kannte mich dessen Trainer Willi Entenmann. Und ihm kam zu Ohren, dass ich bei Borussia Mönchengladbach zum Probetraining war. Daraufhin wurde ich vom VfB Stuttgart angesprochen und wir wurden uns auch handelseinig. Ich glaube, dass die damalige Verletzung ein großes Glück für mich war, denn was folgte waren insgesamt sechs herrliche und aufregende Jahre beim VfB Stuttgart.

Zwei Tore gegen den großen FC Bayern, die aber fast keinen interessiert haben – weil zur selben Zeit jeweils Bedeutenderes geschah.

MK:
An welche Momente und Details erinnerst Du Dich besonders zurück was Deine Zeit beim VfB Stuttgart betrifft.

JH:
Interessant ist sicher, dass wir 1987 in der Bundesliga und 1989 im Pokal zweimal den FC Bayern mit 3:0 geschlagen nach Hause schicken durften. Und in beiden Spielen glückte mir auch jeweils sogar ein Treffer. Mein Pech war allerdings, dass jeweils andere Geschehnisse meine Tore zur Nebensächlichkeit werden ließen. 1987 schoss Jürgen Klinsmann mit einem sehenswerten Fallrückzieher im selben Spiel das Tor des Jahres und wenn man weiß, dass das Pokalspiel 1989 am 09. November ausgetragen wurde, ist jedem klar, dass das ganze Pokalspiel an dem Abend vom innerdeutschen Mauerfall bei weitem überstrahlt wurde.

1989 Finale im UEFA Pokal gegen den SSC Neapel

Ruhmreiche Zeiten gab es beim VfB Stuttgart einige. Einer der Höhepunkte der Vereinsgeschichte war zweifelsohne das Uefa-Pokal-Finale gegen Maradonas SSC Neapel im Jahr 1989.

Auf sechs Jahre VfB Stuttgart folgten sechs Jahre Hamburger SV.

MK:
Und was hat dann den Baden-Württemberger Jürgen Hartmann dennoch bewogen in den hohen Norden zu wechseln?

JH:
Es waren mehrere Komponenten, die hier zusammen kamen. Erstens hatte mich der damalige Hamburger Trainer Benno Möhlmann direkt angesprochen, zweitens hatte ich Verwandtschaft in Hamburg und Drittens einfach Lust auf eine weitere Herausforderung.
Und gleich zu Beginn meiner Hamburger Zeit gab es ein schwieriges Jahr in welchem die (damals noch) Unabsteigbaren dagegen kämpfen mussten dass die ewige Bundesligauhr im Volksparkstadion am Ende der Saison nicht stehen blieb. Die Krise brachte damals Uwe Seeler in das Präsidenten- und Felix Magath ins Traineramt.

Mit „Quälix“ Magath in den Europapokal. MK:

MK:
Und war Magath tatsächlich so ein „harter Hund“ wie oft behauptet.

JH:
Ich kann mich an einige Trainingseinheiten erinnern, die man nicht gerade als „Zuckerschlecken“ bezeichnen konnte. Einmal hatten wir uns z. B. bei einem mehr als ordentlichen Waldlauf vor dem Frühstück (Felix Magath trainierte gerade für einen Marathon) komplett verlaufen, was sich der Trainer aber nicht anmerken ließ und so wurden einfach noch einmal zig Kilometer in einem irrsinnigen Tempo oben drauf gepackt.

Sehr lustig war dabei, dass wir damals Harald Spörl im Wald verloren haben, weil er den Anschluss nicht mehr halten konnte. Keiner hatte das jedoch bemerkt und er wurde später unter dem Gelächter der Mannschaft von einem einheimischen Förster mit dem Auto zurückgebracht. Ein weiterer Effekt des harten Trainierens war übrigens, dass wir uns vom damaligen 14. Tabellenrang noch bis in die internationalen Ränge nach vorne spielen konnten.

1997 bis 2000 : FC Basel

MK: Später hast Du als Spieler noch einmal zum FC Basel gewechselt?
JH: Richtig, ab 1997 spielte ich für den Schweizer Klub. Das war näher an der badischen Heimat und doch im Ausland. Als Spieler merkt man das übrigens schon. Einen Ausländerbonus gibt es nämlich nicht. Im Gegenteil, wenn es nicht rund läuft werden vor allem die Spieler aus dem Ausland kritisch betrachtet. Das waren damals beim FC Basel z. B. auch Maurizio Gaudino und Oliver Keuzer. Trainer war übrigens Jörg Berger.

MK: Jürgen, eine wirklich tolle Karriere, die wir hier von Seelbach aus natürlich immer mit verfolgt haben. Dennoch war es wirklich schön und interessant, noch einmal Anekdoten und Besonderheiten zu hören, die man in keiner Zeitung liest und in keiner Sportschau zu sehen bekommt.

MK:
Wenn Du zurückblickst auf Deine Karriere, beginnend beim FSV Seelbach, wie sieht das Fazit aus?

JH: Es war vom Start weg eine tolle Zeit. Aus sportlicher Sicht durfte ich lange Jahre in zwei großen traditionsreichen deutschen Bundesliga-Vereinen spielen. Dabei bin ich weitgehend von Verletzungspech verschont geblieben und habe somit nur wenige Zeit auf der Ersatzbank verbracht.
Und allen jungen Spielern, nicht nur beim FSV Seelbach, sei gesagt, dass sich hartes Training immer auszahlt. Warum übt z.B. heute keiner mehr nach dem Training eine halbe Stunde Freistöße oder Flanken? Wer etwas erreichen will, muss üben, üben, üben, das gilt auch im Amateurbereich.

MK: Vielen Dank Jürgen.

Anmerkung: Nach seiner Zeit als Profispieler war Jürgen Hartmann noch in einigen Vereinen als Trainer tätig, so z. B. beim FC Basel, beim Offenburger FV, bei Alemannia Aachen (zusammen mit Guido Buchwald), den Stuttgarter Kickers oder dem Regionalligisten Sonnenhof Großaspach. Diese Geschichte soll aber zu einem anderen Zeitpunkt erzählt werden

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